Ein Plädoyer für die Bewahrung der Freiheit in der digitalen Gesellschaft hat Eben Moglen auf der re:publica gehalten. Er
spannt den Bogen sehr weit und beginnt mit der Geschichte des ersten Zugriffs auf geschriebene Information, in Europa: die Bibel. Die heilige Schrift der Christen wurde klassischerweise von Mönchen per Hand abgeschrieben – das heißt, die Information wurde schon damals kopiert. Doch nicht jeder hatte freien Zugriff auf diese extrem wertvollen Büchern, denn den Zugang kontrollierte allein die katholische Kirche.
Freies Lesen gab es erst, als das gedruckte Buch es erlaubte, auch weltliche Texte herzustellen. Das Buch galt danach über zwei Jahrhunderte als Medium für kommerzielle Subversion und unorthdoxes Denken. Es barg, so Moglen, vor allem die Möglichkeit, frei zu denken. Und das nicht nur, weil man das Buch mit einem Pseudonym versehen und beliebig verbreiten konnte. Sondern auch und vor allem, weil man es anonym lesen konnte.
Die Möglichkeit, etwas anonym Lesen zu können, ist laut Moglen der Schlüssel dazu, auch anonym und damit frei denken zu können. Und seiner Meinung nach setzen wir diese Möglichkeit derzeit aufs Spiel, indem wir uns allzu leichtfertig den bequemen Möglichkeiten von social media und Datenspeicherung hingeben. “Nicht wir konsumieren die Medien, sie konsumieren uns, indem sie uns überwachen, verfolgen und ausspionieren”, meint Mogeln. “Die Arbeit der Stasi erledigt heute Herr Zuckerberg.”
Die Piraten haben es allerdings dabei mit einer Paradoxie zu tun: Die Transparenz, die sie fordern und wollen, führt dazu, dass ein interner Klärungsprozess gar nicht in Ruhe stattfinden kann, weil alles gleich öffentlich stattfindet.
Der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn auf Tagesschau.de über die Piraten-Partei und die Chancen und Risiken der Internet-Demokratie.
"Hyperlinks untergraben Hierarchien"
David Weinberger: Keine schlechte Hypothese. Natürlich geht die Debatte weiter, ob Technik an sich ausreicht, um menschliches Verhalten und menschliche Institutionen zu verändern. Ich glaube, wir haben noch gar nicht begriffen, welche subversiven Auswirkungen Hyperlinks auf traditionelle Hierarchien unserer westlichen Kultur haben.
Im Netz ist keine neue Art der Hierarchie entstanden, stattdessen existieren viele Topologien nebeneinander. Wir wissen heute dank Experten wie Clay Shirky oder Albert-László Barabási, dass Netzwerke in der Regel ein paar besonders gut verbundene Knotenpunkte besitzen. Sie haben also keine Hierarchien, sondern eine Struktur, in der einige Menschen mehr Einfluss haben als andere. Das ist eine wichtige Erkenntnis, denn so können auch kleine Details aus dem Untergrund zum Vorschein kommen, ohne dass sie jemand unter den Teppich kehren kann.
Doc Searls: Wenn ich eine These aus den ersten zehn auswählen sollte, dann diese. Sie ist der Grund, weshalb Hierarchen Hyperlinks ausradieren wollen - und alles, was an diesen Verbindungen zur Außenwelt hängt. Sie haben sogar mäßigen Erfolg gehabt. Ich habe zwei längere Beiträge zu diesem Thema auf meinem Blog veröffentlicht: "Be Careful About What You Call Dead" (http://hvrd.me/rwF1Gx) und "Broadband vs. Internet" (http://hvrd.me/sGlJwh)
Hierarchien wird es immer geben, selbst wenn sie vielerorts untergraben werden. Aber die Veränderungen in hierarchischen Organisationen und Unternehmen, von denen vor allem David Weinberger in seinen letzten drei Büchern spricht, sind unwiderlegbar und gehen ungebremst weiter.
Die Occupy-Bewegung ist wie die arabischen Volksaufstände von den neuen sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter geprägt worden. Sie haben das Internet einmal als "totalitär-faschistisches Weltlager der Zukunft" bezeichnet. Wie kommen Sie darauf?
Das Netz ist trotz dieser positiven Wirkungen der Gulag unserer Zeit.
Finden Sie?
Alle wissen alles über Sie, Ihre Daten werden lebenslang gespeichert, damit man Sie jederzeit in der Hand hat. Jedes Datum Ihrer Bewegungen, jedes Datum Ihres Austausches mit anderen Menschen, kann jederzeit von Machtinstitutionen kontrolliert und abgezogen werden. Wir werden es noch hinreichend erleben, wie durch so gewonnene Daten, die heute noch unter Terrorabwehr laufen, eines Tages unsere Demokratie aufgehoben wird. Die Erfahrungen mit der Staatssicherheit in der DDR und dem nationalsozialistischen Hitler-Regime lehren uns doch, wie schnell solche Daten missbräuchlich verwendet werden können.
Deutliche Worte!
Es wird immer deutlicher, wie sich das Netz in eine Schieflage hinein entwickelt, wenn die Gegenbewegung ausbleibt. Der niederländische Soziologe Jan van Dijk, Universität Twente, hat die Entwicklung im November 2011 auf der x-mess in Berlin in aufrüttelnden Thesen auf den Punkt gebracht:
Das Internet wird nicht von den Nutzern gestaltet, sondern von den mächtigen Intermediären wie Facebook, Google, Microsoft und Apple. Doch wer kontrolliert diese Giganten?Das Internet führt nicht zu mehr Demokratie und Gerechtigkeit. Vielmehr verstärkt die global vernetzte Gesellschaft die Ungleichheit auf allen Ebenen – zwischen Staaten ebenso wie zwischen Organisationen und Individuen. Immer weniger Firmen/Menschen werden immer größer/mächtiger (die »Knoten« im Netzwerk), während gleichzeitig immer mehr Firmen/Menschen immer unbe- deutender werden (der »Long Tail«). Die Mitte verschwindet – und damit der Kitt zwischen den beiden Polen.
Mehr dazu im Konferenzbericht der zfo
Apps werden auch auf dem Fernseher ihren Platz finden. So richtig spannend wird es aber erst, wenn wir die herkömmliche Fernbedienung mit ihren Beschränkungen loswerden. Und das wird dann geschehen, wenn wir den Fernseher mit einer App auf unserem Smartphone oder Tablet bedienen können. Die ersten Geräte gibt es schon, die dieses Bedienkonzept umsetzen. Hier ist aber noch viel Arbeit nötig, bis das mit jedem Fernseher funktioniert.
Apple TV werde nur eine Chance haben, so Amlung in dem Interview, wenn es Apple gelinge, die großen TV-Anbieter ins Boot zu holen.
Auf das Interview bin ich aufmerksam geworden. Artikel bin ich gestoßen bei http://www.olivervonarx.ch/robert-amlung-wie-sieht-der-tvkonsument-von-morgen...
"Wir werden in fünf Jahren nur noch auf mobilen Geräten im Netz unterwegs sein", meinte der Zukunftsforscher Gerd Leonhard auf der ConventionCamp 2011. Print werde nur noch zweite Option sein, allein schon aus Kostengründen! Seine eindeutige Empfehlung an die Verlage: News vom Papier lösen.
Beunruhigend, diese Aussichten. Wippermann weist aber auch darauf, dass erste Gegenbewegungen zu beobachten sind. Auch wenn kein Weg an der Netzwerkgesellschaft vorbei zu führen scheint, so ist auch klar, dass die Menschen gerade erst anfangen, Erfahrungen mit allgegenwärtigen Netz zu sammeln und es als Lebenswelt zu gestalten. Die Netztechnologie entwickelt sich eben schneller als die "anpassungsträge" Gesellschaft.
Das Netz hat ein Grundsatzproblem. Die Informationen werden aus dem Kontext gelöst. Es ist das gleiche, als ob keine Bücher mehr geschrieben würden, sondern nur noch Zitate. Ein Aphorismus beispielsweise ist ein sehr kontextreicher Kurztext. Der Kontext muss aber erkannt werden, um den Aphorismus zu verstehen. Das Internet löst diese Kontexte radikal auf. Wir haben einen Strom von Echtzeitinformation in permanent neuen Kontexten. Das macht das Verstehen unglaublich schwer.
Die Gefahr der Missdeutung von Information ist unglaublich groß. Außer in bestimmten communities – semantischen Räumen, in denen die Menschen gemeinsam die Information bearbeiten – fällt das musterbildende Verstehen, das Nachvollziehen von Trends oder das Diskutieren von Themen schwer. Wikipedia beispielsweise funktioniert nur deshalb so gut, da man schnell und sicher sagen kann, was richtig und was falsch ist. Stellen Sie sich vor, es gäbe Wikipedia über das Thema Ethik. Es wäre ungleich schwieriger, zu sagen, was richtig und was falsch sei. Das Thema wird diskursabhängig und Diskurs braucht Dauer, also genau das, was dem Internet fehlt.