Führt Professionalität in die Sackgasse? - Wort zum Tag auf SWR2

So huldigen wir immer mehr dem Prinzip der Professionalität nach dem Motto: Solange du deinen Job professionell machst, machst du ihn gut. Ich bin überzeugt, dass dieser Weg in eine Sackgasse führt. Wir müssen uns weiter auf die Suche machen nach dem guten Leben für alle - gerade heute, wo die Gesellschaft immer mehr zu einer Welt-Gesellschaft wird. 

Dr. Marko Kuhn schreibt mit diesen Sätzen in einem Wort zum Tag auf SWR2 den Menschen an den Finanzmärkten, die z.B. an den Börsen mit Agrarrohstoffen spekulieren, Professionalität zu!  

Es scheint mir hier ein Missverständnis vorzuliegen, wenn ausgerechnet Professionalität als Quelle der Ungerechtigkeit in der Welt ausgemacht wird. Denn "Professionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf zentrale existenzielle Bezüge des Menschen ausgerichtet sind." So Christoph Schmidt-Lellek, zitiert von Bernd Schmid in einem Papier über systemische Professionalität

Auch wenn der Begriff heute nicht mehr nur Seelsorgern, Ärzten, Juristen oder Lehrern vorbehalten ist, sondern auf andere Berufe ausgedehnt wird, so sollte doch genau der Beitrag zu einer humanen Wirtschafts- und Gesellschaftskultur begriffsprägend bleiben. 

Bernd Schmid meint dazu, das

Wort professionell wird allerdings auch oft verwendet, wenn zum Ausdruck gebracht werden soll, dass jemand eine Sache kompetent macht. Streng genommen wäre das Wort qualifiziert hier passender. 

Professionalisierung soll genau dazu beitragen. Nochmal Bernd Schmid:  

Wahrscheinlich wird erst umgekehrt ein Schuh daraus: Eine gelungene multidisziplinäre Auseinandersetzung mit der Berufs- und Organisationswelt stellt den entscheidenden Beitrag auch zur Gesundheit des Einzelnen und der Gesellschaft dar.


 

Karfreitagsstimmung oder Ostersonntagshoffnungen? Bernd Schmid in seinem Blog über neues Wirtschaften

Bahnt sich da ein Umschwung an, wie er durch das bekannte Bild von Yin und Yang illustriert wird? Sind da Pendel am Ende ihres Ausschlags und schwingen zurück? Treiben es davor die alten Kräfte auf die Spitze? Dominieren Verrücktheiten und Orientierungslosigkeit noch das Bild, während sich dahinter etwas Neues aufbaut? Sind düstere Aussichten auch ein Wahrnehmungsproblem? Ein fallender Baum macht mehr Lärm als ein wachsender Wald, lautet ein bekanntes tibetanisches Sprichwort. Oder etwas wissenschaftlicher in Begriffen von positiver und negativer Entropie: Auflösung von Ordnung ist leichter wahrnehmbar, weil Zerfall Energie freisetzt. Beim Aufbau des Neuen wird Energie gebunden. Es ist eine eigene Wahrnehmungskunst, heraufziehende, sich erst als Silberstreif am morgendlichen Horizont abzeichnende Entwicklungen zu erkennen.

via http://www.systemische-professionalitaet.de/berndschmid/bernd-schmids-blog/

"Am Ende müssen wir alle lernen zu vergehen." Das ist das ebenso nüchterne wie provozierende Fazit, das Bernd Schmid aus seinen Beobachtungen zieht. Ich fürchte, dem ist nichts entgegen zu setzen.

Wirtschaftswissenschaften: Blind und geschichtslos | Philip Kovce in der SWR2 Aula

Der amerikanische Großindustrielle Henry Ford sagte mal, der Wohlstand einer Nation begänne schon im Klassenzimmer. Heute kann man ergänzen, dass sich dieser Wohlstand dann auch an der Universität fortsetzt. Und wenn man letzteres auf die Wirtschaftswissenschaften bezieht, dann gerät man in eine eher depressive Stimmung. Denn: Dieses Fach symbolisiert kaum den Wohlstand und schleppt mehrere Defizite mit sich. Es basiert erstens auf einer methodologischen Monokultur, zweitens ist es blind für die eigene Geschichte, drittens fehlt der Bezug zur Praxis.
Philip Kovce, Wirtschaftsstudent an der Universität Witten-Herdecke, beschreibt diese Defizite und zeigt konkrete Auswirkungen.
via swr.de

Kovce plädiert übrigens nicht nur für eine Umorientierung der Wirtschaftswissenschaften, sondern auch der journalistischen Leitmedien. Er zitiert Mintzberg, der vor Jahren schon den Anteil einer "aufgeblasenen Wirtschaftspresse" und eines "fragwürdigen Beratungswesens" an der Misere des ökonomischen Denkens beklagt hat. Die Medien sollen, so Kovce, den Mut aufbringen, souverän zu agieren, statt Lobbyisten nach dem Mund zu reden.